Ulrich Meyer Husmann


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Unregelmäßige Behausung

Einige Anmerkungen zu den Arbeiten von Terry Buchholz

Bunte Tücher. In immer neuen Kombinationen und Konstellationen tauchen bunte Stoffe in den Installationen von Terry Buchholz auf. In ihrer berauschenden Buntheit sind sie ein Lobgesang auf die Schönheit dieser Welt. Aber die Tücher sind noch mehr. Zu Anfang und am Ende unseres Lebens werden wir ‚in Tücher gebettet’, ein doppelter Verweis, auf Leben und auf Tod. In diesen Dimensionen sind die Installationen von Terry Buchholz angelegt.

Das Bett mit den bunten Kissen aus ganz verschiedenen Ländern. Ein ganz einfaches Arrangement aus gefundenen, erworbenen und geerbten Requisiten. Und doch schwingt alles Mögliche mit: das Anheimelnde der Kissen, in die man sich einkuscheln möchte, das Bett als Ort des Rückzugs, zum Ausruhen, zum Träumen, Schlafen, auch der Liebe, der Zeugung, des Lebens, des Krankseins und des Sterbens.  

Die Installationen stellen oft Erzählungen dar, aber erzählt wird nicht in chronologischer Reihenfolge, sondern assoziativ. Es ist ein Denken in Bildern. Die Bilder konstituieren sich aus Gegenständen, Fotos, Videos, Geräuschen, die Terry Buchholz in ihrem umfangreichen Archiv als Konserven aufbewahrt oder von ihr neu hergestellt werden.

Wichtig werden dabei biographische Momente: Erinnerungsstücke aus dem Elternhaus, Gegenstände, die sich für sie mit dem Leben des Vaters oder dem der Mutter verbinden und damit auch Erinnerungsstücke ihrer eigenen Kindheit sind. Daneben die Stücke, die sie von den vielen unterschiedlichen Aufenthaltsorten ihres eigenen Lebens mitgebracht hat. In einem Gespräch sprach Terry Buchholz von sich als ‚Nomadenfigur im eigenen Land’. Von daher ist der Titel der Ausstellung ‚Unregelmäßige Behausung’ eben auch ihr eigener Titel.

Den Installationen ist ein hoher sinnlicher Reiz eigen. Das liegt einerseits an den gewählten Materialien, deren Strukturen, und andererseits an der Art, wie diese wiederum mit anderen in Beziehung gesetzt werden. In ‚match’ (2006) ist es die überraschende Kombination von Tüchern und Teppichstreifen, die den Betrachter viel genauer auf Muster und Farben blicken lässt, in ‚Forst am Meer’ (2005) das eigenartige Miteinander von Strand-Fotos und den unterschiedlichen Mustern der Stoffe, die zum Teil einmal Kleider ihrer Mutter gewesen sind. Im ‚Schmetterlingsfänger’ (2006) werden in große gemusterte Handtücher die eigenen Babyhandtücher von 1956 eingepasst. Zunächst sind es einfach nur Bilder, nahezu abstrakt, bis in dem hellen Blau die Umrisslinien der Schmetterlingsfänger erkennbar werden.

Geräusche spielen eine wichtige Rolle. Das An- und Ablaufen des Wassers am Strand, eine Urmelodie dieser Erde, aber auch das Geräusch der Luftströme, die in die Luftmatratze gepumpt werden (‚Geburtstag, 2002). Das Rasseln der gepressten Luft wird zum erschreckenden Ringen nach Luft einer Kranken oder zum Arbeitsgeräusch einer Wiederbelebungsmaschine.

Der intensive Eindruck, den ihre Installationen beim Betrachter hinterlassen, resultiert nicht nur aus dem Ort oder den Gegenständen selbst, sondern auch aus der Fähigkeit, die gewählten Ausstellungsorte so zu inszenieren, dass Bilder entstehen, die sich einprägen. Meist sind das die Orte, die nicht zum Ausstellungsbetrieb gehören, keine ‚white cubes’, sondern Orte mit einer eigenen Geschichte.    

Die Poznianski Fabrik in Lodz ist so ein Ort. Verfallenes Überbleibsel einer aufgegebenen Baumwollspinnerei in einer Region, in der die Textilindustrie seit jeher Hauptarbeitgeber war und ist. Die Installationen ‚cleaning up I und II’ (2001) – zusammen mit Markus Mußinghoff - ziehen sich durch mehrere der herunter gekommenen Räume. Farbe platzt von den Wänden, Kabel liegen bloß und überall Staub und Schmutz. Mit wenigen Requisiten wird auf die ehemalige Funktion des Gebäudes als Baumwollspinnerei hingewiesen. Vor Ort gefundene Putzlappen und in Düsseldorf gekaufte, auf die im digitalen Druckverfahren das Foto einer sich reinigenden nackten Frau gedruckt ist. Die Fotos hängen in dem großen Waschraum, in dem sich die in der Spinnerei arbeitenden Frauen waschen konnten. Die lange Reihe der Waschbecken lässt ahnen, wie viele Frauen hier gearbeitet haben. Und plötzlich sind an diesem Ort in Lodz andere Bilder gegenwärtig, Bilder aus den Judenghettos während der deutschen Besatzungszeit, aus den KZs, und das Verfallene des Ortes und die Vielzahl der Waschbecken unterstreichen nur das ungeheure Ausmaß des Mordens und Sterbens.42 Seifenstücke liegen auf den 42 frisch geputzten Waschbecken. In der Performance versuchen Terry Buchholz und Markus Mußinghoff als ihr Partner die Waschbecken mit der Seife wieder und wieder zu reinigen. Ein Bild von Schuld und Sühne in einem. 

Ein anderer Ort waren zum Beispiel die ehemaligen Badekabinen in dem früheren Wiesbadener Hotel ‚Pariser Hof’. Der Titel der umfangreichen Installation ‚barfuss’ (2006) verweist darauf, wie diese Räume eigentlich betreten werden. Aber nicht nur das, es ist auch die körperliche Welterfahrung mit den bloßen Füßen, wie an diesem Ort, oder wenn auf Holz gegangen wird (‚Die Erde ist eine Kugel’, 2003) oder auf Sand und im Wasser. Der Boden der einen Badekabine in ‚barfuss’ zeigt in Anlehnung an den gekachelten Boden ein Mosaik aus quadratischen Feldern mit Teilen von gemusterten und gestreiften Handtüchern und Fotos von nackten Füßen auf Kacheln, die Füße dabei in Stellungen, als wäre die Person, zu der die Füße gehören, bei Tanzschritten beobachtet worden.

Körperliche Erfahrung zieht sich wie ein roter Faden durch viele Arbeiten. Körperliche Erfahrung kommt noch vor den Worten, vor der Sprache. Das stumme Umarmen als Geste der Zuneigung und des Trostes, aber auch die Angst beim Durchfilzen durch eine Militärpatrouille in geforderter breitbeiniger Stellung, wo eine missverständliche Körperbewegung die letzte sein kann.

Schönheit des Körpers (‚Frauenlob’, 2006), aber auch seine Gebrechlichkeit. Die Fotos vom sterbenden Vater (‚Real presence’, 2003), gekoppelt mit vergrößerten Aufnahmen des Vaters, als er 80 Jahre alt war und als siebzehnjähriger Kindersoldat, beides eingebettet in einer riesigen mit Paprika rotbraun eingefärbten Bahn. Ein einzelnes Leben, das ihres Vaters, aber in Belgrad im ehemaligen Tito-Museum gezeigt verweist es über sich hinaus auf die Geschichte dieses Landes.

An solchen Installationen zeigt sich die ethische und politische Dimension ihrer Arbeit.

Ihre Arbeiten tragen meist einfache Titel, sind – so der Titel einer Folge von Fotos – ‚stets konkret’. Eine Arbeit allerdings gibt es, deren Titel mich stutzen ließ, weil er so gar nicht zu den sonstigen Titeln zu passen schien. Aber je länger ich über diesen Titel nachdachte, desto mehr fing er - mehr als alle anderen Titel – das ein, was ein Großteil ihrer Arbeiten und Installationen kennzeichnet: bildhafte Poesie, Sinnlichkeit, Trauer aus dem Wissen um Vergänglichkeit und ein milder Humor. ‚Vom Verflattern der Blütenwirkungen durch ihre Zersplitterung in Zeit und Raum durch falsche Wahl der Blütenmenge und der Nachbarschaft’.

Ulrich Meyer-Husmann, Mainz 2007    


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